Woran glaubst Du? Oder: 1618 – Neuburger Bürger im Verhör

Eine Hochzeit und ein Todesfall

Der pfalz-neuburgische Erbprinz Wolfgang Wilhelm war vielleicht der berühmteste Konvertit am Beginn des 17. Jahrhunderts.

Von den Eltern im protestantischen Musterstaat Pfalz-Neuburg streng lutherisch erzogen, kam seine Eheschließung mit Magdalena von Bayern, der Schwester des regierenden Herzogs Maximilian I. von Bayern und Führer der katholischen Union, am 11. November 1613 in München nur unter der Bedingung eines (heimlichen) Konfessionswechsels zustande.

(s. Michael Henker 2017, AK FürstenMacht & wahrer Glaube, S. 364; im Druck)

„Mir ist wohl, Euch aber ist übel“

So quittierte der Vater Philipp Ludwig auf dem Sterbebett diese politisch motivierte Konversion seines Sohnes, mit der er gleichzeitig sein Lebenswerk, die Schaffung eben jenes vorbildlichen protestantischen Staatswesens in Trümmern liegen sah.

⇒am 24. Oktober 2017 stellt Dr. Michael Henker innerhalb unseres Rahmenprogrammes in einem Vortrag Pfalzgraf Phillip Ludwig und sein bewegtes Leben näher vor.

Reformationen von oben und religiöse Bedürfnisse von unten

So mancher der Neuburger Bürger könnte ihm recht gegeben haben.
Für sie spitzte sich Ende des Jahres 1617 die Frage nach dem „wahren Glauben“, nach der persönlichen konfessionellen Orientierung dramatisch , weil teilweise existenzgefährdend zu.

Konnten sie bisher im Rahmen des von Wolfgang Wilhelm am 25. Dezember 1615 eingeführten „Simultaneums“, das die Koexistenz des katholischen und des evangelischen Bekenntnisses ermöglichte, einigermaßen ungestört ihren Glauben praktizieren, so wuchs mit einem herzoglichen Dekret zur Abschaffung dieser Freiheiten ab Juni 2017 der Druck auf die mehrheitlich protestantische Bevölkerung, zumindest nach außen hin zu konvertieren.

Dabei mag es für den einen oder anderen nicht allein um die intime Glaubensfrage, gar um das reine Seelenheil gegangen sein.
Die religiösen Rituale – Taufe, Hochzeit, Beerdigung, sonntäglicher Kirchgang – prägten das gesellschaftliche Leben und der Einzelne konnte sich ihnen nicht ohne Gefahr des „gesellschaftlichen Todes“ entziehen. Hinzu kam die spezielle Struktur der Neuburger Stadtgesellschaft. Gab es doch außerhalb des Einflussbereichs des Hofes kaum nennenswerte Einkommensquellen. Nicht nur direkte Hofbedienstete, auch Magistrat, Bürger- und Handwerkerschaft waren wirtschaftlich und gesellschaftlich abhängig vom Hof.

So erklärt sich das aus heutiger Sicht vielleicht paradox anmutende Phänomen, dass gerade die gebildete gesellschaftliche Oberschicht sich einem größeren Druck ausgesetzt sah, in Glaubensdingen dem Herrscherhaus zu folgen.

In seinem Aufsatz im Katalogbuch zur Ausstellung „FürstenMacht & wahrer Glaube“ beschreibt Prof. Dr. Klaus Unterburger, Lehrstuhl fur Mittlere und Neuere Kirchengeschichte, Universitat Regensburg die Wechselwirkung „Reformationen von oben – religiöse Bedürfnisse von unten“ prägnant wie folgt:

„Man wird (immer) einen Faktor bedenken müssen, der für die zunehmende konfessionelle Abgrenzung eine große Bedeutung erlangen sollte: Indem die konfessionelle Ausrichtung immer mehr verwoben war mit sich widersprechenden politischen und militärischen Bündnissystemen, mit Freundschaft und Feindschaft zu Nachbarterritorien, mit einer Politik für oder gegen die Macht im Reich, dürfte sich auf diesem Weg immer mehr eine exklusive konfessionelle Identität, eine Entscheidung des Entweder/Oder verbunden haben. Gerade die Politisierung der religiösen Reformen war ein wichtiger Faktor der konfessionellen Identitätsbildung, da das Bekenntnis indirekt so massive Folgen für das Leben und den Wohlstand von Familien und Gemeinden bekommen konnte“

Klaus Unterburger, AK FürstenMacht & wahrer Glaube, S. 69, im Druck

Wie gestaltete sich nun die Situation in Neuburg konkret?

Übergangsfrist für den protestantischen Hofmarksherrn von Sinning – Verbot des “Auslaufens“

Am 28. Juni 1617 lies Pfalzgraf Wolfang Wilhelm dem versammelten Neuburger Magistrat die endgültige Entlassung der lutherischen Prediger, die Aufhebung der evangelischen Glaubensausübung und die Berufung neuer katholischer Pfarrer mitteilen. Damit wurde das am 25. Dezember 1615 eingeführte Simultaneum mit gleichzeitiger Zulassung des katholischen und des evangelischen Bekenntnisses aufgehoben.

Die Mehrheit der Neuburger wollte sich aber auch nach alleiniger Einführung des katholischen Bekenntnisses nicht zum Katholizismus bekennen, sondern evangelisch bleiben.
Eine letzte Möglichkeit, den evangelischen Gottesdienst zu besuchen, bot die Pfarrkirche im nahen Sinning, wo ein gebürtiger Neuburger als evangelischer Geistlicher noch amtieren durfte. Pfalzgraf Wolfgang Wilhelm hatte dem dortigen Hofmarksherrn Otto von Erlbeck nämlich die Ausübung der evangelischen Konfession in seiner Hofmark für eine Übergangsfrist von sechs Jahren gestattet. Viele Neuburger gingen nun dorthin zum Gottesdienst, ließen dort ihre Kinder taufen, sowie Heiraten und Beerdigungen nach evangelischem Ritus durchführen.

Nach mehrfachen, geradezu flehentlichen und letztlich erfolglosen Bitten des Neuburger Magistrates an den Herzog um Legalisierung oder Tolerierung dieser Praxis wurde mit fürstlichem Dekret vom 16. Dezember 1617 das „Auslaufen“ dorthin verboten und speziell für den Neuburger Magistrat in der Pfarrkirche St. Peter Kirchenstühle zum Gottesdienstbesuch reserviert.

„Welche sich aber wider Verhoffen trutzig erweisen …“ – Verhör mit ‚Zuckerbrot und Peitsche‘

Ein halbes Jahr später, vom 14. bis 16. Juni 1618, wurden die Neuburger Bürger und sonstige Einwohner auf das Rathaus sowie das Hofgesinde in die Residenz zitiert, um dort unter Geheimhaltung vor einer fürstlichen Kommission ihre Aussage darüber zu machen, ob sie den fürstlichen Mandaten gehorchen würden und ob sie gedächten, sich zum katholischen Bekenntnis zu bekehren.

Die fürstlichen Anweisungen an die Kommission zeigen eine Befragungstaktik mittels ‚Zuckerbrot und Peitsche‘:

Die gehorsamen Konvertiten sind „mit allerhand tröstlichen Erinnerungen zu animieren,(…).

Welche sich aber wider Verhoffen so gar pertinace und trutzig erweisen, dass gar kein spes emendationis vorhanden, denselbigen solle von obgedachten Kommissarien zu endlichem Bescheid angedeutet werden, dass sie so oft sie auslaufen, gestraft, auf Wiederholen, die Pöen dupliert und erhöht und da sie ihrer Schuldigkeit nach, Ihrer fürstlichen Durchlaucht nicht gehorsamen und doch auch von der Strafe gern verschont sein wollen, Ihnen ihre Wohlfahrt zur Verhütung von Ärgernis und um bester Konsequenz willen, anderwärts zu suchen vergönnt sein. Und da sie sich dessen endlich erklären, ein gewisser Termin zur Versilberung ihrer Güter benannt werden solle.“

Eine anschauliche Umsetzung dieser „Verhörsituation“, der sich vom Bürgermeister bis zum Taglöhner alle Neuburger Bürger auszusetzen hatten, und die man sich durchaus bedrohlich – mit hellebardenbewährten Wachen und einem im Hintergrund schweigenden Jesuiten – vorzustellen hat, zeigt sowohl ein derzeit im Entstehen begriffener Imagefilm mit Spielszenen wie – ausführlicher – die thematische Inszenierung in der Ausstellung im Bereich des historischen Fürstengangs.

Hier wird auch das sog. Neuburger Schützenbuch im Original zu sehen sein, jene illuminierte historische Quelle, auf der die Rekonstruktion der Neuburger Bürgerschicksale des Jahres 1618 beruht. Und natürlich erfährt der Ausstellungsbesucher auch, wie viele der insgesamt 475 verhörten Personen genau sich am Ende dauerhaft als „trutzig“ erwiesen.

Roland Thiele, Neuburger Stadtheimatpfleger, langjähriger 1. Vorsitzender des Historischen Vereins und nicht zuletzt Ideengeber und Organisationsleiter der Ausstellung jedenfalls zieht in seinem Beitrag zum Ausstellungskatalog ein differenziertes Fazit:

Dass die Neuburger gerade im privaten Bereich zäh Widerstand leisteten, berichtet im Visitationsprotokoll vom 24. Juni 1624 als diesbezüglich unverdächtiger Zeitzeuge Leonhard Mayr, der katholische Pfarrer von St. Peter:

„Häretische und schädliche Bücher [evangelisches Schrifttum] finden sich in beinahe allen […] Häusern und scheint das ein Haupthindernis einer ernstlichen Bekehrung. Aus diesen Büchern beten sie, legen ihr Bekenntnis ab, lesen und lehren sie. Katholische Bücher kaufen sie nicht. […] Nicht wenige Söhne der Neuburger weilen außerhalb Neuburgs in häretischen Ortschaften und deren Schulen.“

Es bedurfte bei allen äußerlichen Erfolgen des jesuitischen Bekehrungswerkes auch in Neuburg des Heranwachsens einer neuen, katholisch erzogenen Generation, um aus der Stadt das zu machen, was sie dann nach dem Dreißigjährigen Krieg zweifelsfrei war: eine ausschließlich katholische Hauptstadt und Nebenresidenz der Pfalz-Neuburger Wittelsbacher.

Bericht: Eva Gerum M.A., Redaktion